Zeiten der Stille

Hinter uns wirbelten riesige Staubwolken auf als "Herr Anders" auf die Schotterpiste traf. Offroad. Links und rechts begrenzt durch verdammt alte, selbst errichtete Mauern aus Gestein.

Savannen-Romantik

Die Straße unter uns war auch mehr ein Weg, der uns immer wieder in die Langsamkeit zwang.

Genau wie die Umgebung. Ich musste immer mal wieder anhalten, weil mich diese scheinbar unendliche Weite gefesselt hatte. Pipacs dachte jedes Mal, dass sie jetzt endlich auch mal dieses Land unter die Nase nehmen darf.

weg

Die Landschaft von Portugal ist wahnsinnig vielfältig. Eben waren wir noch auf der Route de Atlantik, die scheinbar auf Strandsand errichtet wurde. Und die Umgebung doch sehr an die Heimat erinnert, mit Kiefernwäldern, guten Fahrradwegen, kleinen Dörfern mit Ferienwohnungen und toll gepflegten Parkplätzen, die zum Strand führen.

Jetzt spürte ich Savannen-Romantik. Jedenfalls wirkte es auf mich, als wären wir in der Steppe Afrikas unterwegs. Die Straßen wurden schlechter. Mehr und mehr Schlaglöcher, große Steine, kleine Steine und roter Sand. Alte, krumme Steineichen, dessen Äste mit irgendeiner Moosart bewachsen waren zierten die hügelige Landschaft. Überhaupt war es sehr steinig, geröllig, rockig, felsig. Immer wieder ragten riesige Gesteinsbrocken in unterschiedlichsten Formen und Grautönen aus der Erde. Umgeben von wilden Rosmarin und Lavendel. Mich erinnerte das alles sehr an Norwegen, Schweden und auch ein bisschen an Großbritannien.

so

Hier war bestimmt das ein oder andere Urlaubsdomizil der Trolle und Kobolde. Der Feen und Magier in den Sträuchern und Bäumen und der Schamanen in den Korkeichen.

Quercus suber

Die hier, sind wild gewachsen, schätze ich. Es sah nicht so aus als würden sie in Reihen angeordnet sein, wie die Olivenbäume. Es wirkte etwas so, als würden die Bäume nur im T-Shirt da stehen. Denn ab der Mitte fehlte ihnen die Hose. Die Stämme leuchteten in Farben von Blutorange, Ockerbraun bis tief dunkles Mahagoni. Irgendwie hinterließ ersteres in mir ein "Autsch-Gefühl".

Die Korkeiche, heißt Quercus suber und ist somit offiziell das Zuhause eines sehr weisen und alten Magiers, dessen Wissen, der Medizin gilt (in meinem Kopf ist das so!) Außerdem ist es der einzige Baum, dessen Rinde man am lebenden Stamm ernten kann, ohne dass er anschließend stirbt. Die Borke wächst immer wieder nach. Allerdings braucht das etwas Zeit. Alle neun bis zehn Jahre darf diesem Baum die Hose weg genommen werden. Damit man das nicht vergisst, werden riesige, weiße Zahlen auf die Rinde geschrieben. Die erste Ernte erfolgt ab dem fünfundzwanzigsten Jahr. 1oo bis 2oo Kilogramm Kork liefert der Quercus suber und eine regelmäßige Ernte lässt den Baum resistenter gegen Feuer werden. Was durchaus in den nächsten Jahren gar nicht so schlecht ist. Denn die Wüstenbildung droht. Das Klima der Sahara setzt herüber, vielleicht habe ich deshalb die Assoziation mit Afrika gehabt?!... Die Hitzewellen und Dürrezeiten, treten hier von Jahr zu Jahr intensiver auf.

Von der hatten wir allerdings nichts zu spüren bekommen. Ist ja auch Winter.

Meister Regen

Die Langsamkeit ließ uns nun zum völligen Stillstand kommen. Vor uns lagen über 5 ha Land mit einer ordentlichen Menge an Olivenbäumen und ein paar Tieren.

Es war ruhig und wirkte alles sehr entschleunigt. Wir überquerten einen kleinen Bach, der über den Grund plätscherte und in einem etwas größeren mündete, dem Rio Sever. Und letztlich kamen wir an ein Haus… aus Stein.

Geprägt aus der Römischen Zeit. Wir sind angekommen. In der Vorweihnachtszeit. Ich konnte spüren wie entspannend und ruhig dieser Ort auf mich wirkte. Ausgeglichen, natürlich und irgendwie rein.

Das, vor allem ich, in dieser besinnlichen Zeit, eine ganz andere Form von Bescherung erleben durfte, war mir so nicht bewusst.

Ich wurde nach kurzer Zeit und für einen kurzen Moment, stolze Besitzerin von diesem Stück Land.

da war er noch ganz friedlich

Ich war alleine. Mit den Tieren, dem Grundstück und der Natur. Und was diese Natur mit meiner Natur angestellt hatte war… Nicht von schlechten Eltern.

"Meister Regen" kam und mit ihm ein einschneidendes Erlebnis. Der Fluss war kein zum Baden einladendes, plätscherndes Gewässer mehr. Es wurde einfach immer mehr zu einem wirklich unzähmbaren, wilden Ungeheuer. Was mich spüren ließ, wie eindrucksvoll Wasser werden kann. Es zog mich in den Bann, hatte mich zum Baden eingeladen, weckte in mir die Ur- Ängste, ließ mich verzweifeln und trieb mich in die Flucht. Und es machte mich stark und selbstbewusster.

andere Zeiten der Besinnlichkeit

Diese Zeit hatte mich mit meiner Vergangenheit konfrontiert. So sehr, das es um mich herum und in mir drin leiser geworden ist. Es war, wie wenn kleine Regentropfen zu Schnee werden und sie nach Tagen immer mehr von der Oberfläche bedecken. Als wenn zwischendrin nochmal ein Sturm hinüber braust um die Landschaft neu zu gestalten und dann war es still.

Nur war das Wasser eben flüssig und nicht fest und darüber war ich am Ende doch recht dankbar.

Ich durfte erfahren wie viel Kraft Wasser haben kann.

Wie schwer es ist, eine Holzleiter über ein tobendes Ungeheuer zu legen, um darüber hinweg zu laufen. Und wieviel schwerer ist, sie zu bergen und heraus zu tragen, wenn sie von so einem Ungeheuer verschlungen wurde.

Ich durfte spüren, wie es ist von wild wachsenden Sträuchern mit langen, dicken Dornen aufgehalten zu werden. Sie hielten mich ständig an meinen Klamotten fest und gruben sich in meine Hände und Füße, als ich "Prof. Holzsprosse" (Leiter) retten wollte.

Ich hatte unendlich viele Kneippgüsse durch. Mehrfach am Tag und ich verzichtete teilweise auf die Reihenfolge und begann oft direkt bis zur Hüfte im kalten Nass zu sein.

Das man plötzlich vor lauter täglichen Erlebnissen auflacht, wenn 4 Warnleuchten im Bordcomputer vom Gefährt auf Rädern, einem einleuchten, das der vierte Advent ist.

Wie es ist 3o kg Hühnerfutter mit einer Schubkarre, die einen Platten hat, über eine Offroad Straße, 3,5 km zu transportieren.

Wie es auch ist neben zwei Hunden, die ein Hotel für Flöhe auf ihrem Fell eröffnet hatten, zu schlafen.

Was Honig für eine Eigenschaft haben kann und was dieser für Emotionen in mir auslösen konnte, wurde mir auch beigebracht. Kurzum er lag großflächig verteilt auf "Herrn Anders" Bauch und kriechte seelenruhig davon, als ich die Schiebetür aufgemacht hatte. Als ob er mir freundlich entgegen grinste und sagte : "Einfach weiter ziehen, aber ganz langsam". Ich guckte mich kurz um, ob ich wieder zurück in meiner Heimat gewesen bin, kam zur Besinnung und befreite den Boden vom selbstgemachtern Honig, mit einem weinenden Auge.

So ruhig und entschleunigt es am Anfang wirkte, so wilder, aufgewühlter und kritischer wurde die Zeit hier.

Diese Zeit brachte mich an meine Grenzen. Ließ mich verloren, verzweifelt und total leer zurück. Sie ließ mich alleine. Drückte mich runter und ließ mir kaum Luft zum atmen. Sie ließ mich kämpfen, funktionieren und annehmen.

Sie hinterlässt eine Erfahrung, die den Perspektivwechsel, die veränderte Sicht auf Dinge, nun in mir leben lässt.

Das es okay ist, auf seine Narben zu schauen, die einem vom Leben mitgegeben worden sind. Diese auch länger zu betrachten und dann beim Heilen ruhiger werden lassen. Das es etwas schönes sein kann, alleine zu sein (nicht einsam!), auch mal etwas verloren. Wie erleichtert man hinterher manchmal ist, wenn man seine Erfahrungen teilt. Auch die nicht so schönen. Welch stärkendes Gefühl es mir gibt, so wunderbare Menschen zu kennen, wie meine Freunde und wie schön es ist, jeden Tag an sie zu denken. Anders. Intensiver. Auch was Weihnachten in Familie bedeutet.

Wie wertvoll es ist, neue Türen zu öffnen und andere mit einem Lächeln im Gesicht zu schließen.

Weihnachten in Ruhe genießen

Genau das tat ich. Wir verließen die Cinderella- Story und tauschten sie gegen ein Wunder, welches uns das wirklich echte Weihnachten erfüllte.

Weihnachten bei Jacqui, unser Wunder und unsere Rettung

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